Diskussion: (Keine) Alternativen zum Pfand

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Plakat aus der Sauberkeitskampagne der Stadt Wien, 2014

DISKUSSION
(Keine) Alternativen zum Pfand

GegnerInnen des Zigarettenpfandes schlagen in der Regel folgende Alternativmaßnahmen gegen das Zigaretten-Littering vor:

  • Mehr Kontrolle und härtere Sanktionen

  • Mehr Mülleimer mit Aschenbechern aufstellen

  • Die Öffentlichkeit besser über die Umweltschäden durch Kippen aufklären

  • “Bio-Filter”

  • Verschiedne Verbotsszenarien

GegnerInnen des Pfandes argumentieren im Wesentlichen, dass es bessere Alternativen gibt:

1. Mehr Kontrolle, härtere Sanktionen

Zigaretten im Gleisbett des Bremer Hauptbahnhofs

Ordnungsämter sanktionieren das sogenannte Zigaretten-Littering, das heißt, die unsachgemäße Entsorgung von Müll in der Umwelt. Dabei werden zunehmend höhere Bußgelder verhängt. Die Einnahmen, die durch die Sanktionierung von Littering erhoben werden, sind allerdings marginal im Vergleich zu dem Schaden, welcher der Umwelt zugefügt wird.[1] Zudem müssen Ordnungsmaßnahmen der lokalen Ordnungsämter zur Durchsetzung der Bußgelder häufig durch polizeiliche Maßnahmen flankiert werden. Angesichts der weiterhin hohen Verschmutzung des öffentlichen Raums fehlt solchen Sanktionen aber offenbar selbst dann die nötige Wirksamkeit.
Zur Illustration: Das Bild zeigt einen typischen Blick auf die Gleise (übrigens abseits der Raucherzone) eines deutschen Bahnhofs. Wer das Kippenproblem durch mehr Kontrollen und Sanktionen lösen möchte, muss offensichtlich eine deutlich höhere Dichte von entsprechendem Personal aufbieten als in einem 24 Stunden überwachten Bahnhof im Einsatz ist – und dies flächendeckend in allen Gemeinden, an Stränden, auf Wald- und Feldwegen, entlang von Bundesstraßen und Autobahnen.

Foto: Die Aufheber

[1] Rundfunk Berlin-Brandenburg (2018). Das Wegwerfen von Zigarettenkippen wird selten geahndet. Online Bericht; eingesehen am 4.7.2019.

2. Mehr Mülleimer mit Aschenbecher

Zigaettenkippen neben einem MülleimerViele Entsorgungsunternehmen und Stadtreinigungen bieten an zentralen Stellen an den Müllkörben separate Zigarettensammeleinwürfe gegen Zigaretten-Littering an. Sobald jedoch diese Aschenbecher voll sind, werden Zigaretten sehr häufig direkt auf den Boden entsorgt. Viele Kippen werden auch beim Eintreffen des Busses an Haltestellen einfach weggeschnippt obwohl der Mülleimer in Reichweite ist. Häufig dienen aber weder volle Aschenbecher noch “ganz plötzlich auftauchende” Busse zur Entschuldigung für die Entsorgung der Kippe auf dem Boden: Man wirft sie einfach weg – meistens ohne sich dabei etwas zu denken oder Alternativen zu suchen.  Zur Illustration: Auf dem nebenstehenden Foto wurden alle Zigarettenstummel in unmittelbarer Nähe eines öffentlichen Aschenbechers markiert (siehe auch Originalfoto in voller Auflösung). Der nächste Mülleimer mit Aschenbecher steht übrigens nur wenige Meter hinter dem am oberen Bildrand sichtbaren Fahrrad. Wer die hier dargestellte Situation für eine Ausnahme hält, kann sich an nahezu jeder Bushaltestelle mit Aschenbechern vom Gegenteil überzeugen.
Die Kosten des Aufnehmens der Zigarettenreste werden von der Allgemeinheit über Steuern und Abgaben bezahlt. Sie sind personalaufwändig, nur teilweise zu bewerkstelligen und in vielen Bereichen schlecht automatisierbar. Zigaretten und Schachteln werden danach nahezu immer als Restmüll behandelt. Unser Vorschlag hingegen integriert sie in ein Kreislaufsystem.

Foto: Die Aufheber

3. Sensibilisierung der RaucherInnen für Umweltschäden durch Kippen

Greenpeace Freiwilligen Team Wien reinigt VotivparkStadtreinigungen, Kommunen, Umweltschutzorganisationen, Massenmedien und ForscherInnen veröffentlichen bereits jetzt die verheerenden Folgen des Zigaretten-Litterings. Sie erreichen damit viele Menschen, die sich bereitwillig den Herausforderungen des Umweltschutzes stellen. Trotz der hohen Beweiskraft wissenschaftlicher Studien werden weiterhin bis zu 80% aller Zigaretten auf dem Boden entsorgt. Selbst wenn zusätzliche Sensibilisierungsmaßnahmen zu einer Reduktion der Menge weggeworfener Zigaretten beitragen, besteht kein Anlass zu der Annahme, dass dies zu einer signifikanten Verbesserung der Situation führt.

Darüber hinaus: Wir würden uns über Beispiele für Sensibilisierungsmaßnahmen aus anderen Bereichen freuen, die tatsächlich zu einer umfangreichen Verhaltensänderung in der Bevölkerung geführt haben. Bis solche vorliegen, müssen wir davon ausgehen, dass derartige Kampagnen nicht sehr wirkungsvoll sind. Um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich ist die Information der Öffentlichkeit über die Problematik notwendig. Auch Aktionen wie die hier gezeigte Stummel-Sammelaktion in einem Park, die Plakate in Wien oder ein gelungenes Youtube-Video der Stadtwerke Hamburg leisten einen Beitrag. Allerdings sind sie als Ergänzung zu einem Pfandsystem zu forcieren; eine wirksame Alternative sind sie keinesfalls!

Foto: Greenpeace Team Wien (mit freundlicher Genehmigung)

… und: Die Tabakindustrie soll die Maßnahmen gegen Zigaretten-Littering zahlen

Die EU-Gesetzgebung sieht vor, dass sich die Hersteller bestimmter Einwegkunststoffartikel (darunter Zigarettenfilter) an den Reinigungsaktionen beteiligen sollen. Entsprechend argumentiert auch die Bundesregierung, dass die Tabakindustrie nun in die Pflicht genommen würde. Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums sagte diesbezüglich gegenüber der Redaktion der Neuen Osnabrücker Zeitung am 8.8.2019, dass die Hersteller das Aufstellen von Aschenbechern im öffentlichen Raum mitfinanzieren sollen. Außerdem verfolge Ministerin Svenja Schulze das Ziel, die Hersteller von Zigaretten an den Kosten der Straßen-, Park- und Strandreinigung zu beteiligen.

Mehr Mülleimer sind prinzipiell keine schlechte Idee, tragen aber nur wenig zur Beendigung des Zigaretten-Litterings bei. Ebenfalls ist der Vorschlag zu begrüßen, mehr in die Reinigung des öffentlichen Raumes zu investieren. Als Maßnahme gegen das Kippenproblem ist dieser aber ebenso ungeeignet. Würde „Hinterherputzen“ eine Lösung bedeuten, müsste der allergrößte Teil der Zigaretten überhaupt eingesammelt werden können – vor allem, bevor diese Schaden anrichten. Dies ist offenkundig absurd. Zudem könnten sich RaucherInnen dann sogar legitimiert fühlen, ihre Kippen wegzuwerfen – schließlich hätten sie die Beseitigung ja quasi beim Kauf ihrer Zigaretten bezahlt.

Die mangelnde Nachhaltigkeit der Maßnahmen führt diese Argumentation ad absurdum. Niemand – auch nicht die Tabakindustrie – sollte für etwas bezahlen, das so wenig zielführend ist.

4. Biologisch abbaubare Filter

Sollten plastikfreie Filter vorgeschrieben werden, begrüßen wir dies. Allerdings wird es auch in dem Fall unabdingbar sein, dass Kippen nicht auf dem Boden landen. Bestimmungsgemäß reichern sich die Giftstoffe nach wie vor im Filter an und werden aus weggeworfenen Kippen mit dem Regen in Böden und Gewässer gespült. Eventuell animiert der Einsatz solcher Filter (ohne zusätzliches Pfandsystem) sogar zur Entsorgung der Kippen im öffentlichen Raum.

5. Rauchverbote im öffentlichen Raum

No-smoking-Schild in VancouverIn einigen nordamerikanischen, japanischen und russischen Großstädten ist das Rauchen an manchen öffentlichen Orten verboten. Auf den Philippinen gilt sogar ein landesweites Rauchverbot auf öffentlichen Plätzen. Wäre das eine Option für Deutschland? Auch dies ist keine falsche, jedoch höchst unzureichende Maßnahme. Verbote müssen durchsetzbar sein; aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit von Ordnungskräften ist dies nur sehr eingeschränkt der Fall. Wo niemand hinsieht, werden wir weiterhin Zigaretten auf dem Boden finden. Auch sollte angestrebt werden, Zigarettenkippen dem Recycling zuzuführen und Packungen in eine Kreislaufwirtschaft zu integrieren. Das gelingt nur mit einer Mülltrennung, die durch ein Pfandsystem angeregt wird.

Foto: votredame (Flickr); Lizenz: CC BY-SA 2.0 

6. Totales Rauchverbot

Wäre es nicht das Konsequenteste, die Herstellung und den Vertrieb von Rauchwaren grundsätzlich zu untersagen? Dadurch würde der Müll gar nicht erst entstehen und gleichzeitig die allgemeine Gesundheit gefördert. Richtig. Allerdings ist das eine gesellschaftlich und politisch kaum durchsetzbare Lösung. Aus diesem Grund schlagen wir mit dem Pfand einen pragmatischen Kompromiss vor.

Anmerkung: Nur in einem Land der Welt – Bhutan – ist das Rauchen nahezu gänzlich verboten. Die Durchsetzung des Verbots gestaltet sich allerdings teilweise schwierig. Es wird interessant sein zu beobachten, ob Neuseeland sein 2011 gestecktes Ziel erreicht, bis 2025 rauchfrei zu sein.

ZWISCHENFAZIT: Ein Pfandsystem ist bis auf Weiteres die einziges Lösung des Problems

Keine der vorgestellten Alternativen kann das Problem umfassend und rasch lösen. Aus diesem Grund schlagen wir vor, dass mit dem Verkauf jeder Packung Zigaretten ein Pfand erhoben wird, welches bei Rückgabe der gerauchten Zigaretten und deren Verpackung erstattet wird. Aufgrund der relativen Wirkungslosigkeit der Alternativen sind alle Einwände gegen die Einführung eines Pfandsystems vor dem Hintergrund folgender Frage zu sehen:

Ist es besser ein Zigarettenpfand zu etablieren oder
die Umweltschäden durch Kippen in Kauf zu nehmen?

… ES SEI DENN – VIELLEICHT:
7. Ein Verbot von Filtern in Zigaretten erweist sich als Teil-Alternative

Einige ForscherInnen argumentieren, dass Filter in Zigaretten eine reine Marketingstrategie seien und keinesfalls die propagierten gesundheitlichen Effekte haben.[1] Es reichern sich zwar Giftstoffe im Filter an, jedoch sinkt dabei nicht die Aufnahme krebserregender Substanzen in den Körper – so die Argumentation. Manche WissenschaftlerInnen beobachteten sogar einen Anstieg von besonders aggressiven Krebsformen seit Filterzigaretten auf den Markt kamen.[2] Gründe hierfür könnten sein, dass

(i) die durch den Filter verursachte Form der Durchlüftung die Verbrennung des Tabaks in einer Weise beeinflusst, welche die Giftigkeit des Rauchs erhöht;

(ii) der Filter zu stärkerem Inhalieren verleitet;

(iii) Filter eine geringere Schädlichkeit von Zigaretten suggerieren und somit zu häufigerem Rauchen verleiten und

(iv) aus den Filtern aufgenommene Plastikpartikel selbst krebsfördernd sind.[3]

Der Filter in Zigaretten wäre demnach vor allem ein Marketinginstrument. Er nimmt dem Rauch die Schärfe und suggeriert ein weniger gefährliches Produkt. Filter sollen sogar chemisch so gestaltet sein, dass sie „verbraunen“ um die Effizienz des Filters glaubhaft zu machen.[4]

Gemäß dieser Argumentation entfällt die Rechtfertigung für Filter in Zigaretten per se. Wir konnten uns diesbezüglich noch kein abschließendes Urteil bilden, halten sie aber für nachvollziehbar. Ein Verbot von Filterzigaretten wäre also tatsächlich eine Alternative zu unserem Konzept, bzw. würde unsere Forderung auf ein Pfand für die Zigarettenverpackungen reduzieren. Entsprechen Vorschlägen seitens der Bundesregierung stünden wir daher offen gegenüber!

Mit bestem Dank an Sören Becker für die Recherchen zu diesem Thema!
[1] Schalkwyk, M. C. I. van, Novotny, T. E. and McKee, M. (2019). No more butts, BMJ, 367, S. l5890.
[2] Brooks, D. R. et al. (2005). Influence of Type of Cigarette on Peripheral versus Central Lung Cancer, Cancer Epidemiology and Prevention Biomarkers, 14(3), S. 576–581.; Ito, H. et al. (2011). Nonfilter and filter cigarette consumption and the incidence of lung cancer by histological type in Japan and the United States: Analysis of 30-year data from population-based cancer registries, International Journal of Cancer, 128(8), S. 1918–1928.
[3] Pauly, J. L. et al. (1998) Glass fiber contamination of cigarette filters: an additional health risk to the smoker?, Cancer Epidemiology and Prevention Biomarkers, 7(11), S. 967–979; Song, M.-A. et al. (2017). Cigarette Filter Ventilation and its Relationship to Increasing Rates of Lung Adenocarcinoma, JNCI: Journal of the National Cancer Institute, 109(12); Schalkwyk, M. C. I. van et al., ibid.
[4] Harris, B. (2011). The intractable cigarette “filter problem”’, Tobacco Control, 20(Suppl 1), S. i10–i16.
 

Lesenswerte Blog-Posts zum Thema:

Cigarette Waste: New Solutions for the World’s Most-Littered Trash (Tara Lohan, EcoWatch, 2016)
Smokers Are Different – How About a Deposit on Butts? (“Steve”, Anchorage, Alaska, 2010)